Auf der Suche nach dem Indian Summer – Teil 2

Ostküste der USA – September/Oktober 2017 – Amish Country

Es muss etwa 40 Jahre her sein, als ich zum ersten Mal einen Amish-Quilt sah und von der Existenz der Amish People erfuhr. Seitdem wollte ich immer mehr über diese Menschen und ihrer Lebensweise erfahren und deren Quilts sehen. Es hat lange gedauert, aber nun war es soweit. Wir sind für ein paar Tage in Lancaster County in Pennsylvania.

Hier wohnen etwa 40.000 Amish People und nicht alle davon haben eine Farm. Viele sind Geschäftsleute, die Bäckereien betreiben oder Möbel machen. Trotzdem fallen bei der Fahrt durch diesen Landstrich die vielen Bauernhöfe auf, wo die Wäsche fein säuberlich sortiert auf der Leine im Wind trocknet. Natürlich in den typischen Farben der Amish: schwarz, dunkellila, dunkelgrün, beige und weiß.

Die bunten Farben sind gedeckt, selten sticht mal ein mintgrün hervor. Die Kleidung soll weder durch Schnitt noch durch Farbe Aufmerksamkeit auf sich lenken. Verzierungen jeglicher Art sind nicht erlaubt, deswegen gibt es z.B. auch keine Reißverschlüsse oder Gürtel (die Männer tragen Hosenträger).

Die Amish kamen um 1700 überwiegend aus Süddeutschland bzw. der Schweiz in die USA. Gerade in Pennsylvania boten die Quäker allen religiös verfolgten Gruppen wie den Amish und den Mennoniten damals Land an und sicherten ihnen Glaubensfreiheit zu.

Die Amisch sind eine Glaubensgemeinschaft, zu der sich erst die Erwachsenen durch Taufe bekennen. Bestimmte moderne Errungenschaften wie Telefon, Elektrizität, Autos wurden früher strikt abgelehnt, aber inzwischen können sich auch diese Leute dem Fortschritt nicht komplett entziehen. Trotzdem leben viele noch nach der „alten Ordnung“.

Wir haben eine Buggy-Tour durch die Gegend gemacht. Lilian, eine junge etwa 21 Jahre alte Frau, kutschierte uns mit Pferd Charlie durch die Gegend und beantwortete bereitwillig unsere Fragen. Zum Beispiel, warum es in amischen Häusern keine Elektrizität gibt. Aus Tradition, nicht aus religiösen Gründen, war die Antwort. Man habe zwar inzwischen Solaranlagen auf dem Dach und eine Batterie, aus der die Lampen gespeist würden, aber der Kühlschrank werde nach wie vor mit Gas betrieben, ebenso die Heizung. Für die Waschmaschine gibt es einen Dieselgenerator oder einen Druckluftantrieb.

Lilian betonte immer wieder, es sei keine religiöse Vorschrift, sondern ein bewusst gewählter Lebensstil, basierend auf Tradition. Die Kinder werden von der ersten bis zur achten Klasse in einem Raum einer privaten, von den Eltern finanzierten Schule unterrichtet. Lehrerinnen der ca. 30-35 Kinder sind junge unverheiratete amische Frauen, die hierfür bezahlt werden. Alle Amish People zahlen für die Schule. Nach der 8. Klasse geht so gut wie niemand auf eine weiterführende Schule und die Frage, ob es nicht vielleicht Jugendliche gäbe, die gerne zum College oder auf die Uni gehen würden, lachte Lilian weg mit dem Hinweis, alle seien froh, wenn die acht Jahre Schulzeit um seien und man endlich arbeiten könne.

Sadie, eine Amish-Frau, bei der wir zu einem amischen Abendessen waren, gab allerdings zu, dass einerseits die Kinder den Eltern schon sehr früh helfen müssten und dass andererseits der Besuch einer weiterführenden Schule wegen der technischen Fächer nicht gerne gesehen würde. Sonst könnte die Kinder ja vielleicht auf die Idee kommen, ein Fahrrad statt des üblichen Rollers benutzen zu wollen.

Die Kinder leben bis zur Hochzeit bei ihren Eltern und erst danach in einer eigenen Unterkunft. Lilians Eltern beispielsweise haben sechs Kinder, der Vater macht und verkauft Möbel, hat mehrere (auch nicht-amische) Angestellte. Die Eltern sorgen für die Zukunft der Kinder, so hätten beispielsweise Lilians Eltern für ihre Schwester ein Geschäft im Nachbarort eingerichtet und für sie selber sei ein Bretzelladen auf einem Markt in einem anderen größeren Ort gedachte. Aber sie hätte keine Lust auf „Business“, sie fährt lieber Touristen mit dem Pferdewagen durch die Gegend.

An Sonntagen trifft sich die amische Jugend rundum bei einer der Familien. Sie quatschen und klönen und spielen Volleyball und die Eltern des Hauses kochen das Dinner für alle. Man bleibt also unter sich. Sie selbst hat sich mit 16 Jahren durch die Taufe zum Amish-Dasein verpflichtet. Man darf übrigens als Beifahrer in einem Auto mitfahren, auch den Zug darf sie benutzen, das Flugzeug nur im Notfall. Allerdings würde sie Ärger mit der Kirche kriegen, wenn sie am Steuer eines Autos gesehen würde. Auch über das Fotografieren sind die Amish geteilter Meinung, einige finden es in Ordnung (fördert schließlich den Tourismus, von dem sie leben), für andere sind Fotos von sich und ihren Kindern immer noch ein Tabu.

Die Fahrkarten für die Buggy-Fahrt wurden von einer älteren Frau verkauft, die zwischendurch kleine Hauben für Puppen auf einer batteriebetriebenen Pfaff-Nähmaschine nähte. Das Tragen von Hauben ist Pflicht bei den Amish, genauso wie der Vollbart (aber ohne Schnurrbart) der verheirateten Männer.

Bei den Amish People gibt es keine Kirchen. Man trifft sich alle 2 Wochen reihum bei einer Familie zum Gottesdienst, der teilweise auf Hochdeutsch abgehalten wird. Untereinander sprechen die Amish „Pennsylvania Dutch“, einen deutschen Dialekt, den wir aber nicht verstehen konnten. Dutch kommt von Deutsch und nicht von dutch = niederländisch.

Sadie, besagte amische Dame bei der wir zum Abendessen waren,  ist 82 Jahre alt und verdient sich ihren Lebensunterhalt damit, Touristen zu bekochen. Es gab Weißbrot mit Butter und selbstgemachter Marmelade, eingelegtes Gemüse (Chow Chow genannt) und rote Bete, danach Kartoffelpüree, Nudeln in einer Buttersauce, Corned Beef in einer fettigen braunen Sauce und Erbsen. Als Nachtisch servierte sie uns Schokoladenkuchen. Pumpkin-Pie und Eis (von Costco, einem großen Supermarkt, weil das die Zutatenliste mit den wenigsten Zusatzstoffen hat) und ein selbstgemachtes Fruchtgelee mit Apfelsinen (Dutch Orange genannt).

Ihre Nähmaschine (übrigens ebenfalls eine Pfaff) wird mit Druckluft betrieben.

Auch sie beantwortete freimütig alle unsere Fragen, zum Beispiel nach dem Wahlverhalten. Die Frauen der Amish gehen in der Regel nicht wählen, die Männer schon und haben bei der letzten Wahl gegen Hillary Clinton gestimmt, weil es dem Weltbild der Amish People widerspricht, wenn Frauen Führungspositionen einnehmen.

Hochzeiten finden übrigens nur in der Zeit von Oktober bis März statt. Das ist jedes Mal ein großes Fest mit vielen Menschen. Das traditionelle Hochzeitsessen ist gefülltes Hühnchen, Kartoffelpüree und Sellerie. Die Frauen kochen. Wenn die Gäste ankommen, kriegen die Frauen jeweils eine Aufgabe zugeteilt, z.B. Kartoffel schälen, Gemüse schnippeln usw. Im letzten Jahr habe es 400 Hochzeiten gegeben, sagte Sadie. Und in der Regel kommen danach dann viele Kinder, so dass die Gemeinde der Amish People stetig wächst.

Amish People lehnen Versicherungen ab, sind also auch nicht krankenversichert. Sie zahlen alle Kosten selber bzw. wenn sie es nicht mehr können, springt die Gemeinde für sie ein. Ältere Leute könnten durchaus die staatliche Krankenversicherung für Leute über 65 Jahre in Anspruch nehmen, lehnen das aber ab. Die Gemeinschaft tritt für alle ein.

Etwas ist mir jedoch aufgefallen, für das auch Sadie keine rechte Antwort hatte. Die ersten Amish-Quilts, die ich um 1980 herum gesehen habe, faszinierten mich, weil sie ausschließlich aus einfarbigen Stoffen in gedeckten Farben und mit stark geometrischen Mustern hergestellt worden waren. Die jetzt als Amish Quilts verkauften Decken sind aus gemusterten Stoffen hergestellt und unterscheiden sich leider nicht mehr von den Quilts, die man überall in den USA findet. Das typisch Amische ist verschwunden. Schade drum.

3 Anmerkungen zu “Auf der Suche nach dem Indian Summer – Teil 2

  1. Marita Mommers

    Liebe Christiane,
    ich bin Quilterin und Patchworkerin und beneide dich sehr um deine Reisemöglichkeiten. ich schaue täglich auf deinen Blog, ob du wieder etwas nähtechnisches oder über eine Reise geschrieben hast.
    Ich bin schon 75 Jahre alt und quilte erst seit 5 Jahren.
    Die Amish sind sehr inspirierend für uns Quilterinnen und ich habe deinen Bericht jetzt schon mehrmals gelesen…..
    Ich wohne in Pentling / Regensburg, geboren in Krefeld.
    Viele liebe Grüße von einer treuen Leserin.
    Marita

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  2. Raphaele

    Liebe Christiane,
    das ist ein toller, sehr interessanter Bericht von deinem Urlaub!! Manches finde ich richtig schön, vor allem die Gemeinschaft – und eine amische Hochzeit würde ich zu gerne mal miterleben ;o) lg, Raphaele

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    1. Christiane Post author

      So eine Hochzeit ist eine große Sache. Für die Feier wird extra eine Scheune auf- und hinterher wieder abgebaut. Wie bei uns die Partyzelte, nur ganz aus Holz.
      Liebe Grüße
      Christiane

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