Auf der Suche nach dem Indian Summer – Teil 1

Ostküste der USA – September/Oktober 2017 – Von Boston in die Catskill Mountains –

Hurrikan Jose kam aus der Karibik und setzte sich als zwar abgeschwächtes, aber immer noch als tropischer Sturm eingestuftes Tiefdruckgebiet auf dem Atlantik vor New York einige Tage fest. Daher war ich arg in Sorge wegen der Landung in Boston, zumal Delta auch eine Reisewarnung herausgegeben hatte und man hätte umbuchen können. Haben wir nicht. Wir starteten am 20. September wie geplant von Hamburg über Amsterdam nach Boston. Alle meine unguten Gefühle waren in Amsterdam wie weggeblasen, als die Cockpit-Crew durch die wartenden Passagiere ging. Drei distinguierte Herren mit grauen Haaren, freundlich die Wartenden anlächelnd, flößten mir sofort Vertrauen ein. Und sie haben es nicht enttäuscht. Die Landung in Boston war zwar etwas wacklig, wofür sich der Kapitän schon im Vorhinein entschuldigte, aber souverän.

Wir sind mit Delta Airlines geflogen, weil unsere Lieblingsfluggesellschaft KLM Boston nicht anfliegt. Der Service bei Delta ist ebenso gut, die Sitze sogar noch bequemer. Die Einreise in Boston war problemlos. Wir durften das automatische Einreisesystem in Anspruch nehmen, Pass und die Finger einer Hand selber einscannen, diverse Fragen beantworten und dann die ausgedruckte Quittung nur noch dem Beamten vorlegen. Das ging alles schneller als die Koffer auf dem Band waren.

Jetzt noch das Mietauto abgeholt und auf ging‘s. Wir hatten unsere deutsche Susi (so heißt unser Navi) mit dabei. Susi hat uns prima durch den Verkehr geleitet, aber nicht verhindern können, dass ich im Gewirr der Straßen und dem Gewimmel der Autos gleich mal zu Anfang falsch abgebogen bin. Wir landeten in einem Parkhaus und, als wir dort wieder raus waren, komplett auf einer falschen Straße. So sind wir mal eben durch einen langen Tunnel gefahren, am Ende mehrfach um die Ecke und durch den gleichen Tunnel zurück. Nichts für Klaustrophobiker. Dann waren wir endlich auf der richtigen Ausfallstraße und hatten auch bald danach unser ersten Quartier erreicht. In Winthrop, außerhalb von Boston.

Am nächsten Morgen wollten wir die Fähre nach Boston nehmen, schlenderten gemütlich zum Hafen um die Ecke. Ja, es war etwas stürmisch. Aber nichts im Vergleich zu dem Wind, der in Kapstadt um unsere Ohren geflogen war. Daher waren wir überrascht, als uns der Hafenmeister erklärte, die Fähre würde diese ganze Woche nicht fahren, wegen Jose. Also nahmen wir Bus und U-Bahn und kamen auch so nach Downtown Boston.

Der Freedom Trail ist ein Muss in Boston. Ein rot geklinkerter Pfad, den man entlang wandern kann, um die historisch wichtigsten Stätten in Boston zu besuchen.

 

Spannender fanden wir jedoch das ehemalige  Rotlichtviertel mitten in der Stadt, das jetzt teuer renoviert wird. Dort befindet sich auch eine schmale Kopfsteinpflasterstraße. Dem Vernehmen nach die am meisten fotografierte Straße in Boston, über die sich auch keine Autos trauen. Wenn man aber wie wir in Lüneburg wohnt, kann man darüber nur milde lächeln.

Der Abend bescherte uns noch einen spektakulären Sonnenuntergang mit Blick auf die Skyline von Boston, der jedoch am nächsten Morgen nicht hielt, was er versprach. Das Wetter war regnerisch und kühl.

Als nächste Station stand eigentlich Martha’s Vineyard auf unserem Programm. Ihr wisst schon, diese berühmte Insel, auf der Obama Golf spielte, der weiße Hai gedreht wurde und außerdem jemand wohnt, den wir eigentlich besuchen wollten. Allerdings – Jose lässt grüßen – die Fähren fuhren nicht. Also Planänderung. Spontan beschlossen wir ins Landesinnere zu fahren, nach Catskill. Wir fanden im Internet eine Unterkunft (Bewertung auf Google: 4,8 von 5 Sternen) in Haines Falls in den Catskill Mountains: The Twilight Lodge.

Der Name war Programm. Von außen ein total ungepflegtes Haus. Farbe blätterte von der Holzverkleidung ab. Schiefe Gardinen im ersten Stock. Unten links boten mehrere Schaufenster eines Antiquitätenladens einen recht unaufgeräumten Eindruck, rechts konnten wir durch ein großes Fenster in einen Raum blicken, in dem bereits ein Tisch für 4 Personen gedeckt war. Weit und breit niemand zu sehen. Im Fenster ein Zettel, dass der Schlüssel hinterm Haus zu finden sei oder man eine Telefonnummer anrufen solle. Hinterm Haus war kein Schlüssel. Nach dem Anruf erschien Thomas, ein älterer Herr mit weißen Augenbrauen und kahlem Kopf. Ungarischer Herkunft, wie er erzählte. Er schloss eine Tür zwischen den Schaufenstern auf. Eine steile Treppe erwartete uns, samt etlicher Spinnweben und toter Fliegen auf den Stufen. Der Geruch war leicht muffig. Oben gingen von einem Gang mehrere Zimmer ab, wir waren im letzten. Es gab auf dem Stock nur zwei Badezimmer, die man sich mit den anderen Gästen teilen musste.

Thomas berichtete noch, dass gestern ein Paar da gewesen wäre, bezahlt hätte und dann einen Anruf bekam, der eine umgehende Abreise unumgänglich machte. Ich wünschte mir sofort einen ebensolchen Anruf. Unser Zimmer war winzig klein. Rund um das Bett war ein etwa 50 cm schmaler Gang. Und neben dem Eingang stand eine Kommode. Die Möbel waren alt, meine Oma hatte früher mal ein ähnliches Bett gehabt. Die Fenster waren schmutzig, zwischen den Scheiben verweste eine dicke Hummel bestimmt seit einiger Zeit vor sich hin. Allerdings war das Bett mit blütenweißem Bettzeug bezogen. Auf der Kommode stand ein Korb mit ebenfalls blütenweißen Handtüchern. Der Weg ins Bad führte durch einen Raum, in dem Kühlschrank, Mikrowelle, eine Küchenspüle und zwei alte Stühle samt Tisch standen. Der Ausblick aus dem Fenster auf den Wald und die beginnende Herbstfärbung war jedoch spektakulär.

Das Bad selber war alt, in der Dusche klebten Überreste von Prilblumen auf dem Fußboden, und auch sonst nicht sehr einladend. Über allem schwebte der Geruch von Mottenkugeln.

Nach einer längeren Diskussion beschlossen wir, die Nacht dort zu verbringen, rissen alle Fenster auf, um frische Bergluft reinzulassen. Zu unserem Erstaunen waren wir nicht die einzigen Gäste, noch zwei junge Paare hatten auch den Weg in diese seltsame Herberge gefunden, die übrigens preismäßig nicht gerade billig war.

Wir schliefen erstaunlich gut. Am nächsten Morgen erwartete uns dann eine weitere Überraschung. Wir hatten bei Thomas unser Frühstück für 7.30 Uhr bestellt. Er erwähnte noch, dass dann der Hausbesitzer anwesend sein würde.

In dem Frühstücksraum erwartete uns Barbara. Der Tisch war liebevoll gedeckt. Echtes Silberbesteck. Ein paar Erdbeeren in Kristallschälchen, die Kaffeetassen angewärmt, damit der Kaffee länger warm bleibt. Es gab Joghurt, Brot und Muffins, Rührei und gebratenen Schinken, Orangensaft, Milch und Tee. Und dazu eine Hausherrin, die uns in ihre Lebensgeschichte einweihte. Mit 14 Jahren war sie aus Ungarn in die USA gekommen, weil dort Verwandte von ihr lebten. Sie arbeitet als Reiseleiterin, veranstaltet unter anderem Bäderreisen für reiche Amerikaner nach Ungarn und in die Slowakei. Dabei hat sie früh angefangen, Antiquitäten zu sammeln, und wir durften ihren Laden angucken.

 

 

Sie drängte mir auch gleich ein kleines Geschenk auf: einen braunen Kissenbezug, der von einer ungarischen Freundin mit deutschem Garn bestickt worden war. Danach wurden wir noch gebeten, auch die Scheune zu besichtigen, in der weitere Schätze lagerten. Eine Ecke war J. F. Kennedy gewidmet, eine andere Ecke war mit Devotionalien von Ferenc Puskás, einem ehemals berühmten ungarischen Fußballspielers bestückt, der 1954 im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Bern gegen Deutschland gespielt hatte. Ein weiterer Raum soll eine Bibliothek werden, denn sie hat 1500 Bücher aus Deutschland, Ungarn und anderen europäischen Ländern gesammelt.

Insgesamt hat sie den Plan, ein kleines amerikanisch-ungarisches Museum einzurichten. War sie doch gerade letzte Woche bei der UN, um den ungarischen Ministerpräsidenten zu treffen. Eine faszinierende Frau, die wir nicht kennen gelernt hätten, hätte uns ein Anruf erreicht, der eine sofortige Abreise zur Folge gehabt hätte. Manchmal ist es vielleicht doch besser, sich auf etwas einzulassen, auch wenn man es sich im ersten Moment nicht vorstellen kann.

Morgen geht es weiter in eine ebenfalls für uns ungewöhnliche Welt: nach Pennsylvania zu den Amish People. Fortsetzung folgt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.