Krank in Kalifornien

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Kosten für die medizinische Behandlung in den USA sind exorbitant hoch, das wußte ich schon. Hatte doch die völlig komplikationslose Entbindung meines Enkelkindes lässige 25.000 Dollar gekostet. Für die Röhrchen, die Poppy letztlich in die Ohren eingesetzt werden mussten, wurde ein Betrag von gut über 10.000 Dollar aufgerufen. Zum Glück ist meine amerikanische Familie gut versichert, obwohl die Eigenbeteiligungen immer noch relativ hoch, aber tragbar sind.

Vor diesem Hintergrund betrachte ich die Abschaffung on Obamacare mit großer Sorge. Zumal ich auch selber bei meinem jetzigen Aufenthalt mit dem medizinischen System in Kontakt kam und gemerkt habe, wie schnell man viel Geld los werden kann. Schon für eine Lappalie. Und das ging so:

Mein Flug stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Zwei Tage vor dem geplanten Abflug erwischte mich eine so heftige Magen-Darminfektion, dass ich den Flug um einige Tage verschieben musste. Dank KLM  problemlos und übrigens ohne Zusatzkosten! Am neuen Abflugtag warnte mich meine Tochter noch „Bring dein Immunsystem mit!“, denn Poppy hatte Fieber und war erkältet. Nun ja, Erkältungen bekomme ich regelmäßig, wenn ich Poppy besuche. Davor war mir nicht bange. Und prompt zwei Tage nach Ankunft schmerzte mein Hals,  lief meine Nase, hatte ich einen Tag Fieber. Trotz besten Sommerwetters (oder gerade deswegen?). Bislang waren die Erkältungen immer schnell überstanden, aber dieses Mal dauerte es länger und länger. Ich hustete und schniefte, behandelte mich mit allen Hausmitteln und trotzdem – letzten Donnerstag wachte ich mit einem Matschauge auf. Total verklebt, knallrot, Bindehautentzündung. Pink Eye ist eine ansteckende Erkrankung, die eine Behandlung mit Antibiotika erfordert. Und außerdem wollte ich Poppy, der es schon seit langem wieder gut ging, nicht damit anstecken. Also ab zum Arzt.

Aufnahmebereich Urgent Care. Die Füße auf dem Boden sollen Privatsphäre garantieren, obwohl das gesamte Wartezimmer zuhören kann.

Oder besser gesagt zur Urgent Care. Das ist eine Art Notfallpraxis, besetzt von 8.00 – 21.00 Uhr und zuständig für alle akuten Erkrankungen, für die man bei einem Arzt keinen Termin mehr bekommt. Dort angekommen, nahm ein junger Mann meine Personalien auf und klärte mich auf, dass als erstes ein Betrag von 500 Dollar auf meiner Kreditkarte geblockt werden müsse, der dann später direkt abgerechnet wird. Könnte aber je nach Behandlung auch teurer werden. Nun denn, ohne Arzt keine Augentropfen, also in den saueren Apfel beißen. Nach einigen weiteren Aufnahmeformalitäten und drei eng beschriebenen Zetteln, die ich unterschreiben musste, durfte ich im Wartebereich Platz nehmen.

 

 

Bauarbeiten direkt im Wartebereich. Trotzdem – es ist schließlich Weihnachten.

Nach etwa 5 Minuten wurde ich von einer Krankenschwester in einen Raum gerufen und sollte auf einem Hocker Platz nehmen. Eine zweite Krankenschwester hatte mir, bevor ich mich versah, ein Thermometer in den Mund und einen Clip zum Messen von Blutsauerstoff an den Finger gesteckt und kurzerhand über meinem Pullover eine Blutdruckmanschette angebracht. Nachdem diese Messungen fertig waren, musste ich Fragen beantworten, unter anderem zu Allergien. Das sehe ich ja noch ein. Was allerdings die Frage sollte, wann das Ende meiner Regelblutung war und ob es ein natürliches Ende oder durch eine entnommene Gebärmutter hervorgerufen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis.

Arbeitsplatz der Ärztin – kein Schreibtisch, stattdessen ein Höckerchen und ein schwebender PC.

Als nächstes wurde ich in ein Behandlungszimmer geleitet, in dem kurz darauf eine Ärztin erschien. Sie verifizierte noch einmal meine Allergieangaben (ungläubig, wie mir schien, es konnte sie auch mein Allergiepass nicht überzeugen), fragte dann kurz nach dem Grund meines Erscheinens (Pink Eye), der Länge meiner Erkältung (zu dem Zeitpunkt 8 Tage, nicht besser werdend), guckte mir kurz in die Augen und meinte, sie könne nicht feststellen, ob es sich um eine bakterielle oder durch Viren hervorgerufene Bindehautentzündung handele. Sie würde mir aber Antibiotikatropfen verschreiben, obwohl diese ein „overkill“ sein könnten, denn wenn Viren der Auslöser wären, würden die Tropfen nicht wirken (Anmerkung: sie haben nach einem Tag gewirkt). Dabei wies sie auf die überall hängenden Hinweisschilder hin, dass bei Erkältungsviren keine Antibiotika helfen. Ansonsten empfahl sie regelmäßiges Händewaschen, Handtücher nicht mit anderen teilen und fragte nach der Apotheke, in der ich die Tropfen abholen wollte.

Hinweis um Fragen nach Antibiotika bei Erkältungskrankheiten sofort aus dem Weg zu gehen.

Hier in den USA ist es nämlich so, dass man kein Rezept in die Hand bekommt. Vielmehr sucht man sich eine in der Regel in einem Drugstore befindliche „pharmacy“, an die das Rezept verschickt wird. Das verschriebene Mittel kann dann etwa 30 Minuten später dort abgeholt. Sollte man ein weiteres Rezept desselben Mittels benötigen, spricht man bei der Pharmacy vor und die klären das dann direkt mit dem Arzt. Ziemlich praktisch.

Außerdem praktisch ist, dass man alle seine Arztberichte, Rechnungen, Verschreibungen usw. online einsehen und abrufen kann. Dort lag dann auch die Rechnung für meinen Arztbesuch: mit lässigen 315 Dollar wurde meine Kreditkarte belastet für 5 Minuten bei einer Ärztin, die mich weder abgehört hat (ich hab wie wild gehustet) noch irgendwas anderes im Blick hatte als mein Pink Eye. Ich bin gespannt, was meine Auslandskrankenversicherung dazu sagt. Übrigens, für die antibiotischen Augentropfen bin ich weitere 28 Dollar losgeworden.

Mein Matschauge hat sich seitdem gebessert, der Rest auch an Tag 12 noch nicht. Ich huste trotz Mucosolvan (vorsichtshalber mitgebracht, denn reine Schleimlöser gibt es hier nicht, die haben alle ein dämpfendes Mittel mit drin) und schniefe trotz Dampfbädern, Nasenspülungen und anderen Hausmittelchen. Scheinen dieses Mal ganz fiese Viren zu sein, die mich angesprungen haben (der Rest der Familie hier ist symptomfrei). Man könnte aber auch annehmen, dass ich mein Immunsystem wahrscheinlich doch in Deutschland vergessen habe. In diesem Sinne: Hatschi. Hust. Hust.

 

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