Auf der Suche nach dem Indian Summer – Teil 4

Ostküste der USA – September/Oktober 2017  – Niagarafälle und selbstgekochte Marmelade

Weiter ging unsere Fahrt quer durch Pennsylvania mit einem Zwischenstopp am Eriesee (mit spektakulärem Sonnenuntergang) bis nach Kanada zu den Niagarafällen.

Die Grenzkontrolle auf kanadischer Seite war unproblematisch, insbesondere da mein Liebster seinen Pass irgendwo im Auto verstaut hatte und nicht fand. Da hat sich die Grenzbeamtin mit einem deutschen Personalausweis zufrieden gegeben.

Obwohl es keine Hauptsaison mehr ist, waren die Niagarafälle gut von Touristen besucht. Wir hatten viel Glück mit dem Wetter und konnten über den beeindruckenden Wasserfällen wunderschöne Regenbögen bewundern.

 

Mit einem Fahrstuhl ging es einige Meter hinab und dann durch einen Tunnel und man stand sozusagen auf halber Höhe der 100 m hohen Wasserfälle. Die Geschwindigkeit, mit der das Wasser da runterrauscht und der Lärm, der dabei entsteht, sind schon was ganz besonderes. Gischt gab es überall, so dass wir uns in müllsackähnliche gelbe Regenponchos hüllen konnten, die aber die Nässe kaum abhielten.

Übernachtet haben wir im kleinen Ort Niagara-on-the-Lake und begaben uns dort auf Spurensuche nach einem ganz besonderen Menschen. Und zwar gibt es dazu folgende Geschichte: Als mein Liebster klein war, hatten seine Eltern in ihrem Haus eine ältere Dame aufgenommen, eine Mennonitin aus dem Osten. Diese wurde die Ersatzoma meines Liebsten und fortan unter dem Namen „Omi Franz“ bekannt. Als mein Liebster Anfang 20 war und eine Reise per Anhalter durch die USA plante, bekam er die Telefonnummer der Kinder von „Omi Franz“, die eben nach Niagara-on-the-Lake ausgewandert waren. Er hatte dort eine schöne Zeit mit einem nur unwesentlich älteren Enkelsohn besagter Omi, der mit ihm viel unternahm und ihn sogar mit dem Flugzeug über die Niagarafälle flog. Leider brach danach der Kontakt ab und auch die Adresse ging verloren. Also begaben wir uns auf Spurensuche.

Der Zufall wollte es, dass wir in einem sehr netten Bed + Breakfast mit grandiosem Frühstück landeten (As you like it). Als wir mit dem Besitzer ins Gespräch kamen und die Geschichte der Suche erzählten, hängte er sich sofort ans Telefon, rief jemand an, der wiederum jemanden kannte und – langer Rede kurzer Sinn – von den ehemals fünf Enkelkindern der „Omi Franz“ lebten noch zwei (der mit dem Pilotenschein war leider schon verstorben): Hans-Jürgen, inzwischen 83, und Dorothea, inzwischen 57 Jahre alt. Spontan luden die beiden uns morgens zu einem Treffen ein und ebenso spontan wurde beschlossen, dass wir Hans-Jürgen an dem Tag auf einer beruflichen Reise begleiten würden.

Hans-Jürgen war mal ein Schweine züchtender Bauer und hat im Ruhestand begonnen, Marmelade zu kochen. Nach dem Rezept seiner Mutter. Damit ist er sehr erfolgreich und an dem Tag musste er einige Kisten seiner Marmeladen nach Elmira bringen. Dort fand eine von Amish People veranstaltete Auktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse statt. Dass es Amish in Kanada gab, war mir bislang nicht bekannt, aber mit meinem Interesse an den Amish war ich natürlich gespannt.

Auf der einen Seite der Auktionshalle wurden die Waren überwiegend von Amish People mit Pferd und Buggy angeliefert (und natürlich auch von Hans-Jürgen mit dem Auto), auf der anderen Seite der Halle standen große LKW, um die ersteigerte Waren abzutransportieren.

Die Amish in Kanada sind etwas weniger streng in Bezug auf Kleidung und Umgang mit weltlichen Dingen als die Amish in Pennsylvania. Wir sahen in Kanada Frauen in geblümten Kleidern und Männer in blauen Hemden mit schwarzen Hüten statt der obligatorischen schwarzen Hosen, weißen Hemden und hellen Strohhüten. Gürtel sind trotzdem noch verpönt, aber einige auf einer Wäscheleine baumelnden BHs zeugen von einem offeneren Umgang mit der „Außenwelt“.

Hans-Jürgen ist ein echtes Unikum. Er kocht seine Marmelade in einem Schuppen neben dem Haus, jeden Tag mindestens 96 Gläser. Über viele Jahre hatte er Schwierigkeiten, das benötige Geliermittel von Dr. Oetker zu beziehen. Das Unternehmen hatte auf seine vielen Anfragen nach einem Direktbezug aus Deutschland nie geantwortet, so dass er gezwungen war, sein Gelfix im Delikatessenladen in Toronto für teuer Geld zu kaufen. Bis er eines Tages einen Mann kennenlernte, der für Dr. Oetker den Markt für Tiefkühlpizza erschließen sollte. Jetzt wird er reichlich mit Gelfix versorgt.

Seine Marmeladen vertreibt Hans-Jürgen in erster Linie über Obststände, die überall an der Straße stehen. Aber er hat auch Direktkunden, die er beliefert. Seine Produktion wird einmal im Jahr von einem „Health Inspector“ geprüft.

Seine Rohwaren für die Marmeladen bekommt er von Obstbauern aus der Gegend. Er nimmt ihnen das Obst ab, das sich wegen eines nicht einwandfreien Aussehens nicht gut verkaufen lässt und ansonsten weggeworfen würde. Oder er pflückt auch schon mal den einen oder anderen Baum leer, dessen Früchte der Nachbar nicht haben möchte. Aufgrund dieser Arbeitsweise weiß er nie so richtig, welche Sorte Marmelade er in der nächsten Woche kochen wird. Aber inzwischen hat er gut 20 Sorten im Angebot.
Da aber die Saison für Obst begrenzt ist, kochte er alles Obst, dass er nicht sofort zu Marmelade verarbeiten kann, ein, damit er auch im Winter und Frühjahr seine Marmelade herstellen kann. Einfrieren verbietet sich bei den Menge, denn die Gefrierschrankkapazität hat und will er nicht.

Am Abend nach der Tour zu den Amish gab es noch ein von Hans-Jürgen selbst gekochtes Abendessen. Das macht er jeden Montag. Er kocht für 12 Personen und meistens kommen genug Kinder, Enkel und Verwandte, so dass nichts übrig bleibt. Er ist stolz darauf, typisch deutsch zu kochen. Uns servierte er Salzkartoffeln, Blumenkohl und Schweineschnitzel. Ihm war nur geläufig, dass man den Blumenkohl mit brauner Butter übergießt. Ich hab ihm nun gezeigt, wie man Blumenkohl mit Knuspe macht (braune Butter und Paniermehl).

 

 

Anmerkung zu “Auf der Suche nach dem Indian Summer – Teil 4

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